Site Of Fiction

2013

Performative Installation

UA Landestheater Marburg 2013

Credits:

Idee & Konzept: Eleonora Herder
Von & mit: Eleonora Herder, Maria Isabel Hagen, Michaela Stolte & Sabine Born
Produktion: Lena Krause
Technik: Stine Hertel und Camilla Vetters
Musikalische Beratung und Arrangement: Rebecca Berg

Unserer besonderer Dank gilt Bastian Kleppe für seine liebevolle und großzügige Unterstützung.

Ohne die Beratung von Jost von Harleßem wäre auch dieses Projekt nicht geglückt.

Hessische Theaterakademie
Kulturamt Stadt Frankfurt am Main
Hessisches Landestheater Marburg
Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
GFF Gesellschaft der Freunde und Förderer der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main

https://andpartnersincrime.org/site-of-fiction/

Eine Illusionsmaschine

Die Tür wird geöffnet und ich betrete den Raum. Es ist ein Zimmer, ein kleines, einigermaßen unaufgeräumtes Zimmer mit einem ungemachten Bett, einem sehr großen Spiegel an der Wand dahinter, einem Wandschrank rechts daneben, einem Schreibtisch, Sideboard, Sessel – um nur die Dinge zu nennen, die mir als erste ins Auge fallen, bevor ich bei der näheren Untersuchung des Raums die zahlreichen Details entdecke, die sich dort befinden: Ein angebissenes Honigbrot zum Beispiel, ein ausgedruckter Text im Drucker auf dem Schreibtisch, Bücher im Sideboard, Bilder an der Wand, merkwürdige Reagenzgläser im Wandschrank, Videokassetten und CDs im Umfeld der entsprechenden Player und vieles mehr.

Natürlich weiß ich: Das ist eine Kulisse. Denn ich befinde mich im Theater, im Frankfurter LAB, um genau zu sein. Und das vermeintliche Zimmer ist eine Site of Fiction und eine „Illusionsmaschinerie nach Motiven von E.T.A. Hoffmann“, wie mir der Titel der Performance sagt, die ich hier besuche. Deshalb betrachte ich den Raum auch nicht wirklich als unaufgeräumtes Zimmer, sondern als Inszenierung eines solchen. Und entsprechend verhalte ich mich auch ganz anders, als ich mich in einem fremden Zimmer verhalten würde. Auch gehe ich davon aus, dass hier ganz andere Dinge geschehen können bzw. werden. Ich frage mich z.B., ob vielleicht jemand unter der Bettdecke zum Vorschein kommen wird, oder wie viele Eingriffe in das Arrangement meinerseits von der Inszenierung kalkuliert sind bzw. von ihr ausgehalten werden können.

Eine Videokassette, die ich einlege, lässt sich jedenfalls nicht abspielen. Und was das Ganze noch spezieller macht – bzw. theatraler –, ist der große Spiegel, der nicht von ungefähr an jene Einwegspiegel in Vernehmungsräumen erinnert, die man aus Fernsehkrimis kennt. Sprich: Anders als in einem gewöhnlichen Zimmer fühle ich mich beobachtet und vermute Zuschauer hinter dem Spiegel, Zuschauer allerdings, die ich nicht – jedenfalls jetzt noch nicht – persönlich identifizieren kann.

Und die Tatsache, dass ich mich von anderen beobachtet fühle, führt auch zu einer Selbstbeobachtung meiner Aktionen, in der mir diese auf einmal wie gespielte Aktionen vorkommen. D.h. in gewisser Weise schaue ich mir dabei zu, wie ich mich vor unbekannten Zuschauern als Rolle spiele – was gleichzeitig die Frage aufwirft, ob ich dies nicht vielleicht auch in einem gewöhnlichen Zimmer, vermeintlich unbeobachtet, immer irgendwie tue. Mit Jacques Lacan könnte man hier von einer Erfahrung jenes Blicks des ‚großen Anderen‘ sprechen, welcher uns im ‚Schauspiel der Welt‘ zu ‚angeschauten Wesen‘ macht. Und unter diesem Blick spiele ich das Spiel nun mit – obwohl ich auch diverse Versuche unternehme, es im wahrsten Sinne des Wortes zu durchschauen, indem ich meine Hände abschattend an den Spiegel lege, um hindurchzusehen, oder indem ich mich aus einem Fenster lehne, was mir tatsächlich den Blick auf eine der Performerinnen ermöglicht, die gemeinsam mit den anderen außerhalb der Zimmerkulisse das produziert, was mich innerhalb dieser Kulisse erreicht.

Aber auch diese Aktionen bleiben in gewisser Weise Teil des Spiels, und neben ihnen verhalte ich mich auch immer wieder so, wie Diderot es sich gewünscht hätte, d.h. ich tue so, als ob hinter der ‚vierten Wand‘, die sich im Einwegspiegel tatsächlich materialisiert, keine Zuschauer zugegen wären (wobei ich mir zunächst – d.h. bevor ich die Performerin im Außenraum sehe – im Unterschied zum Diderotschen Schauspieler ja auch nicht wirklich sicher sein kann, ob sich hinter dieser ‚vierten Wand‘ tatsächlich Zuschauer befinden). So höre ich z.B. irgendwann den piependen Anrufbeantworter ab, lese die Texte auf dem Schreibtisch – und lasse mich schließlich in eine Chat-Konversation am Computer verwickeln, die damit endet, dass ich gebeten werde, ein rotes Kleid aus dem Schrank zu holen, dessen Rückwand dann unerwartet von einer Performerin geöffnet wird, die mich einlädt, auf einer Zuschauertribüne im dunklen Außenraum Platz zu nehmen, wo schon mehrere Personen sitzen, die vermutlich vor mir in der Zimmerkulisse waren.

Von dort aus sehe ich nun das Ensemble der Performerinnen vor dem Einwegspiegel agieren – und hinter diesem Einwegspiegel einen weiteren Besucher, der die Zimmerkulisse betritt und dort beginnt, sich in der Szenerie zu orientieren, ohne dass ich sagen könnte, ab welchem Zeitpunkt sich dieser Besucher seinerseits beobachtet fühlt.

Text von Dr. André Eierman

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